Seligsprechung 2000
Angelo Giuseppe Roncalli, geboren am 25. November 1881 in Sotto il Monte bei Bergamo (Norditalien) als Sohn einfacher Bauersleute, studierte in Bergamo und Rom, wo er die Doktorwürde erlangte und 1904 zum Priester geweiht wurde. Danach fungierte er als Sekretär des Bischofs Tedeschi von Bergamo sowie als Professor für Kirchengeschichte. Während des Ersten Weltkriegs diente er als Sanitäter und Feldgeistlicher, danach als Beauftragter des Päpstlichen Werkes der Glaubensverbreitung für Italien und ab 1925 (nach seiner Weihe zum Bischof) als Gesandter von Papst Pius XI. (1922–39) in Bulgarien, ab 1933 in der Türkei und in Griechenland. In diesen Jahren kam es wegen seiner von Rom abweichenden Haltung gegenüber den Christen anderer Konfession und der faschistischen Regierung in Italien zu Spannungen. Im Zweiten Weltkrieg verhalf er in seiner Eigenschaft als Diplomat zahlreichen bulgarischen, griechischen und ungarischen Juden zur Flucht. 1944 wurde er von Papst Pius XII. (1939–58) zum Nuntius (Botschafter) in Paris erhoben und 1953 zum Kardinal und Patriarchen von Venedig.
Am 28. Oktober 1958 wurde Kardinal Roncalli nach dreitägigem Konklave im zwölften Wahlgang zum Nachfolger des am 9. Oktober verstorbenen Papstes Pius XII. bestimmt und am 4. November als Johannes (Giovanni) XXIII. in sein Amt eingeführt. Die feierliche Zeremonie wurde erstmals live im Fernsehen übertragen.
Der 77-Jährige galt als »Kompromisslösung « und »Übergangspapst«, wie ihn die Presse titulierte. Der konservative italienische Teil der Kurie hoffte, durch ihn die fortschrittlichen französischen Kräfte auszubooten, und wollte ihm politisch die Feder führen. Doch Johannes XXIII. wurde in den eigenen Reihen unterschätzt und überraschte selbst Kirchenkritiker. Er nahm tatkräftig die Fäden in die Hand, rückte von der Regierungsweise seines Vorgängers ab und gestaltete sein Pontifikat zu einem der bedeutendsten der Neuzeit: Zu seinen ersten Amtshandlungen gehörte die Anhebung der (bisher miserablen) Löhne für die Chauffeure, Arbeiter und Gärtner des Vatikans und die Kürzung der Gehälter der hohen Würdenträger. Mit dem Ziel einer zeitgemäßen Verkündigung des Evangeliums (aggiornamento) ernannte er 55 Kardinäle aus allen Kontinenten, darunter erstmals auch einen Schwarzafrikaner sowie einen Japaner und einen Filipino, räumte seinen Mitarbeitern im Vatikan größere Selbstständigkeit ein und beteiligte sich persönlich an der Seelsorge seines Bistums Rom. Da er gegenüber sozialen Problemen aufgeschlossen war, wurde er von seinen Landsleuten schon bald liebevoll »Papa buono« genannt.
Seine herausragende Leistung war die Ankündigung (25. Januar 1959), Einberufung und Eröffnung (11. Oktober 1962) des zweiten Vatikanischen Konzils (bis 1965). Dessen Hauptanliegen war eine innere Reform der katholischen Kirche und die Verbesserung der Beziehungen zu anderen Konfessionen. Besondere Aufmerksamkeit wandte Johannes den orthodoxen Ostkirchen zu. Zudem nahm er erste Kontakte mit den atheistischen kommunistischen Regierungen auf und warb inmitten des »Kalten Krieges« unbeirrt für eine friedliche Austragung der Konflikte zwischen den Blöcken. Mit seiner im Mai 1961 veröffentlichten Enzyklika »Mater et Magistra« verlangte er soziale Gerechtigkeit und Ausgleich zwischen Nationen verschiedener Wirtschaftskraft, und mit der in moderner Sprache und »an alle Menschen guten Willens« gerichteten Enzyklika »Pacem in terris« (April 1963) forderte er zur internationalen Zusammenarbeit für Frieden und Gerechtigkeit auf und verwies eigens auf die UN-Menschenrechtserklärung von 1948.
Johannes XXIII. erlag am 3. Juni 1963 einem Magenkrebsleiden und wurde unter großer Anteilnahme Tausender von Gläubigen in der Papstgruft des Petersdoms beigesetzt. Am 21. Juni wurde Giovanni Battista Montini als Paul VI. zum neuen Oberhaupt der römisch- katholischen Kirche gewählt (bis 6. August 1978).
Die Seligsprechung von Johannes XXIII. erfolgte am 2. September 2000 durch Papst Johannes Paul II. (16. Oktober 1978 bis 2. April 2005). Im Jahr darauf wurde der einbalsamierte Leichnam von Johannes XXIII. an dessen 38. Todestag im Petersdom in einem gläsernen Sarg aufgebahrt, und 2002 wurde die Geschichte seiner Amtszeit in einer internationalen Koproduktion unter dem Titel »Ein Leben für den Frieden« verfilmt. In Italien sahen 13 Millionen Zuschauer den Film, ein Zeichen dafür, dass Johannes XXIII. einen bleibenden Eindruck hinterlassen hat.

Quelle: Herder-Verlag